Lano (ca. 10 Jahre)

 

Seit Monaten schon ist immer wieder eine rote Katze, die mich kommunikativ anspricht. Sie ist einfach da; und ich weiß, sie wird zu mir kommen. Meiner Freundin habe ich bereits davon erzählt. Ich wollte keine rote Katze und jetzt habe ich drei davon.

 

Für gewöhnlich zeppe ich nicht durch´s Internet und schon gar nicht auf Seiten vom Tierheim. Und nie nicht an einem heiterhellen Samstag um die Mittagszeit. Normalerweise betätige ich mich zu dieser Stunde mit dem Staubsauger und der Fusselbürste. Bei 2 Hunden und 2 Katzen wäre ein Staubsaugerausfall eine Katastrophe. Nun, es sollte wohl so sein. Auf der Homepage des Tierheims war ein roter Notfall-Kater: „Lukas“. Er sah sehr jämmerlich aus, fast kam es mir vor, als hätte er sich aufgegeben, bzw. wäre nicht bei sich. Am Rücken und den Hinterschenkeln fehlte das Fell und aufgescheuerte Stellen nässten. Er sabberte aus dem Mäulchen. Eines seiner Ohren ist ein Blutohr, das andere ausgefranst. Mein nächster Klick war zu den Öffnungszeiten des Tierheims: bis 14 Uhr geöffnet. Ich schaltete meinen PC aus, setzte mich in´s Auto und fuhr in´s Tierheim. Sehr verständnisvoll und fürsorglich führte man mich zu Lukas. Er kam sofort auf uns zugelaufen. Ich ging in die Hocke und hatte noch nicht mein Gleichgewicht ausgependelt, da hockte Lukas bereits auf meinem Schoß. Er hakte sich mit den Vorderkrallen fest; die waren verdammt lang und scharf. Schnell schob ich meine Hand unter seinen Hintern um ihn abzustützen um ihn weiter nach oben zu schieben. Er rieb seine Backen an meiner Hand, an meinem Schenkel und überall, wo er mich erfühlen konnte. Dann warf er seinen Motor an und schnurrte, was das Zeug hielt, während ihm der Sabber heraus lief. Nur: anpacken durfte ich ihn nicht. Dann biss er sich sofort fest – ohne Vorwarnung. Danach rannte er davon und kratzte sich überall. Lukas ist Allergiker. Laut Aussage des Tierheims hatte er eine Sonnenallergie und wurde auch auf Allergien getestet. Man wisse nicht, was sonst noch. Mir war klar, wenn ich dieses maltretierte Geschöpf zu mir nahm, dann kommen erhebliche Tierarztkosten auf mich zu. Das kann ich mir nicht leisten. Trotzdem lässt mir diese Tierseele keine Ruhe. Am nächsten Tag, ein Sonntag fahre ich also wieder in´s Tierheim um Lukas zu besuchen. Sofort kommt er wieder auf mich zu und nimmt mich gleich ganz ein, noch bevor ich am Boden hocke. Er macht fast einen Kopfstand als er seine Backen an meinen Händen reibt. Die darf ich dann nicht bewegen; er beißt sich sofort fest. Meine Schenkel sind verkratzt und meine Finger verbissen. Was geht in dieser Tierseele vor, dass sie so nach Zuneigung und Liebe lechzt, trotzdem so aggressiv reagiert und in Kratzattacken verfällt.

Zuhause warten 2 Hunde, und 2 weitere Katzen vom Tierschutz. Kann ich ihnen dieses verhaltensgestörte Geschöpf zumuten ? Mein Verstand sagte mir, dass meine finanzielle Situation und die Verantwortung nicht für den Einzug von Lukas stimmen. Aber mein Gefühl war sicher, dass Lukas eine Chance verdient hatte und sich bereits entschieden hat wo er hin möchte. Auf meinem Nachhauseweg kehrte ich bei einer Freundin ein. Sie freute sich über meinen Besuch der ihr gerade recht kam, denn: sie müsse mir unbedingt was zeigen. Auf einer Seite vom Tierheim hatte sie einen Kater gesehen, der ihrer Meinung nach, ganz Sicher ein Kandidat für meine WG wäre.  Wir wunderten uns beide nicht wirklich, dass sie Lukas für mich gefunden hatte. Ich wusste nicht, wie ich es bewerkstelligen sollte und suchte nach einer Lösung. Tage vergingen und langsam fand ich mich damit ab, dass ich es mir nicht leisten konnte, so gerne ich auch geholfen hätte. Da rief meine Freundin an. Lukas ging es schlechter, die Tierheimsituation belastete ihn zusätzlich und nun suchten sie einen Pflegeplatz für Lukas. Ich rief im Tierheim an und Lukas durfte zu uns kommen. Man besorgte sogar noch eine zusätzliche Tube Creme, damit seine kahlen und entzündeten Hautstellen weiterhin von mir behandelt werden konnten. Obwohl Lukas sich sonst nicht mit beiden Händen anfassen ließ ohne zu kratzen und zu beißen, durfte ich ihn ohne Probleme in die mitgebrachte Transportbox setzen. Er wusste, dass er in ein neues Leben umzieht – ich war mir damals noch nicht sicher – er schon ! Zuhause angekommen, wohnte Lukas zuerst oben auf der Empore. Mit den beiden vorhandenen Katzen Artus und Quasimodo war es nicht sehr dramatisch. Doch die Hunde sollten noch darunter leiden. Lukas attackierte die Hunde bis aufs Blut. Was hatte ich da angerichtet ? Meine Tiere vertrauten mir und ich mute ihnen so ein verstörtes Wesen zu. Starke Vorwürfe plagten mich. Ich konnte Lukas auch nicht die Krallen schneiden. Es war unmöglich ihn fest zu halten und schon gar nicht mit Metall in seine Nähe zu kommen. Die Creme brachte keinen Erfolg. Lukas kratzte sich nach wie vor auf, schrubberte sich am Kratzbaum die Stellen immer wieder auf und: er lag so oft es ging am Fenster in der Sonne. Dieser Kater hat eine Sonnenallergie ? Unvorstellbar, so wie er die Sonnenstrahlen aufsaugte. Also begann ich das Futter um zu stellen. Bachblüten, Schlüssler Salze und Hömop. halfen beim Ausleiten und Entgiften. Nun stank sein ganzer Körper nicht nur von außen. Der ganze Kater „roch streng“ und er zeigte mir deutlich, dass er die Creme nicht haben möchte. Was kann ich diesem Wesen sonst noch Gutes tun ? Wenn ich nur wüsste, was ihm zugestoßen war. Er war absolut nicht authentisch. Als wohnten 2 Wesen in ihm und ein 3. Teil ist an einem anderen Ort. Also bat ich Lukas um ein Gespräch. Dabei kam heraus: Lukas wohnte bei einer jungen Frau. Sie lebten zusammen liebevoll in Zweisamkeit in einer modernen Wohnung. Lukas war tagsüber alleine und wartete in der Wohnung, bis Abends sein Frauchen nur für ihn da war. Er schickte mir ein absolut harmonisches Gefühl herüber. Dann hatte die junge Frau einen Freund. Dieser konnte Lukas nicht ausstehen und er warf ihn raus in ein fahrendes Auto, nachdem er dessen Ohren verstümmelt hatte, damit man die Tätowierung nicht mehr lesen kann. Total verstört und schwindelig irrte Lukas durch die Straße als plötzlich ein Hund daherkommt und Lukas hinterher jagt. Lukas rennt in Panik los, weiter, immer weiter, der Hund hinterher. Dann rennt Lukas in eine offene Garage und flüchtet sich auf ein Holzregal. Dort obendrauf steht ein Blecheimer mit einem Pinsel drin. Dieser kippt um und der Pinselreiniger rennt hinunter über Lukas´ Rücken. Eine Frau findet Lukas und ist entsetzt über den Zustand des Katers. Sie bringt ihn in´s Tierheim. Nun kann ich das Verhalten von Lukas verstehen. Sollte es möglich sein, dieser verletzen und verstörten Tierseele zu helfen sich selbst zu finden ? Die Verbindung zu Mutter Erde wieder zu ermöglichen, damit abfließen kann, was ihn belastet und so wieder der Energiefluss stattfinden kann und er wieder zu uns in´s Leben findet ? Wenn das möglich sein kann, dann nur mit Hilfe meiner Tierkameraden. Ich bat meine Schamanische Lehrerin um Unterstützung. Mit all dieser Hilfe gelang es mir, eine Stufe weiter zu kommen und Lukas kam mir eine Stufe entgegen. Wenn es auch eine große Treppe mit vielen Stufen ist, so kamen wir uns näher. Doch jedes Mal wenn die Hunde wieder mit blutender Nase daher kamen plagten mich Zweifel, ob es richtig war ihnen das auf zu bürden. Niemals ging es in´s Auge ! Das nahm ich dankbar als Zeichen.

Lukas stand weiterhin auf der Homepage des Tierheims zur Vermittlung. Tierarztkosten hätte man mir als Pflegestelle erstattet. Aber: ich hatte ja andere Ausgaben. Außerdem begann Lukas sich zu finden und so beschloss ich: Lukas darf ganz bei uns bleiben. Das Tierheim war gerne bereit, den Vertrag für sein endgültiges Zuhause auszustellen. Jetzt wo Lukas einen „festen Platz“ hat ist es ihm langsam möglich „in sich" und "bei uns“ an zu kommen.

Das ist jetzt 2 ½ Jahre her. Lukas hat sich für sein neues Leben einen neuen Namen gewünscht und „Lano“ ausgesucht. Sein Fell ist überall nachgewachsen; seine Schleimhäute nicht mehr entzündet. Kratzen tut er sich nur noch, wenn er sich erschreckt oder etwas angestellt hat. Dann verfällt er noch kurzfristig in sein altes Muster und kratzt sich heftig. Das hört aber dann ganz schnell auf und er kommt zu mir als wolle er sagen: "Altlasten :o) nur noch Restbestände". Die Hunde werden zeitweise respektiert und die Krallen bleiben drin, wenn es doch  mal ab und zu eine brenzlige Situation gibt. Lano lässt sich von mir auf den Arm nehmen, durch die Gegend tragen und ich brauche keine Angst mehr zu haben, dass er mir in´s Gesicht geht. Wenn er etwas nicht möchte, dann warnt er, ohne mich zu beißen. Die Krallen darf ich jetzt schneiden, wenn auch in Etappen, aber ich komme ohne Kratzer davon und Lano ist danach nicht verstört.

Es ist ein wundervolles und beglückendes Gefühl, dass diese verirrte Tierseele wieder in sich angekommen ist. Dafür danke ich all meinen Tierkameraden und Helfern. Lano hat mich gelehrt Lebewesen so anzunehmen wie sie sind – auch die Kratzbürstigen und Verstörten. Mit Verständnis und Liebe kann man sie ins Leben zurückholen.

 

 

 

 

 

 

Brief ans Tierheim:

 

Halli, hallo, hallölli,

eigentlich gehört das ja nicht wirklich unter die Rubrik: Besitzer erzählen.

Mein Frauchen ist arbeiten und da dachte ich mir, ich erzählt Euch mal selber, wie es mir in meinem neuen Zuhause ergeht.

Nachdem ich anfänglich am Überlegen war, ob ich die beiden Hunde auffresse, habe ich mich nun doch anderweitig entschieden.

Schließlich wäre das doch eine ordentliche Portion zu verdauen gewesen und dann ist meine Figur dahin.

Die Mädels stehen nicht auf Dicke. Nein, nein, nein. Und wo ich jetzt doch keine kahlen Stellen im Fell  mehr habe und wieder überall Haare spriesen, da rechne ich mir doch gute Chancen aus. Und ich darf sogar hoffen. Quasimodo, die Perserdame im Haus spielt sogar mit mir.

Zurück zu meinem Appetit, bzw. zu den Hunden.

Schaut mal das Foto an. Nicht dass Ihr denkt, wir sind zwischenzeitlich gute Freunde geworden, wir haben lediglich einen Waffenstillstand für das Fotoschuuting ausgehandelt.

Freunde schafft man sich nicht von heute auf morgen. Aber wir arbeiten dran.

Auch wenn ich eine stattlich, große Erscheinung bin, so wäre ich doch ziemlich klein ohne Kopf.

Frauchen hat mir versprochen, dass wenn ich die Hunde verprügle, dann greift mein Zahnbürstchen künftig in´s Leere, weil sie mir den Kopf abreißt.

Und: es war keine Drohung, sondern ein sog. tierfreundlicher Ratschlag.

Ihr habt schon bemerkt: mir geht´s echt gut, ich beliebe zu scherzen.

**Räusper**

Ich fühle mich sehr wohl in meiner neuen Familie mit all den Tierkameraden.

An dieser Stelle ein herzliches „Vergelt´s Gott“ an das Verständnis und die Toleranz aller 2- und 4-Beinigen Familienmitglieder.

Mit Hilfe von Bachblüten, Homöopathie und Schüsslersalzen, ist meine Allergie nun begrenzt auf Futtermittel mit Rind und Kalb; und artig wie ich bin, halte ich meinen Diätplan ein. Nicht nur das Fressen haben wir im Griff. Auch meine Seele kommt immer besser im neuen Zuhause an. Ich genieße es am Fenster zu sitzen, die Sonnenstrahlen nehme ich dankbar in mir auf, kuschle auf dem Sofa und irgend einem Schoß, egal welcher gerade frei ist und wenn ich mich dann so richtig wohl fühle, dann werfe ich meinen Motor an uns schnurre, und schnurre und schnurre, und träpple mit meinen Pfoten… bis mir der Speichel aus den Lefzen rinnt.

Nun genug der vielen Worte.

Schaut mich mal an, wie ich jetzt aussehen, und: so sehe ich nicht nur außen aus, so fühle ich mich auch.

Ich schicke Euch nicht nur die Fotos, sondern auch liebe Grüße mit.

Und jetzt drücke ich meinen Wampen wieder in die Wolldecke.

 

Euer ehem. Lukas, jetzt Lano

 

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